Kathrin

Interview mit Schnittmacherin Tina Schenk

Interview mit Schnittmacherin Tina Schenk

Vor 23 Jahren schneiderte Tina Schenk die Anzüge von Rostocker Herren um, die so dick waren, dass sie aus ihren Nähten platzten. Heute verwirklichen New Yorker Top-Designer wie Jason Wu, Calvin Klein und Alexander Wang in Tina Schenks Schnittatelier „Werkstatt NY“ ihre Visionen. Kein Wunder, dass Tina, die mich ein bisschen an die Schauspielerin Kirsten Dunst erinnert, erzählte, dass sie „nach drei Wochen in Chicago wusste, dass sie für immer in Amerika bleiben würde.“

Als ich ihre „Werkstatt NY“ betrete, muss ich blinzeln vor lauter Weiß. Das Licht, das durch große Metallfenster fällt, breitet sich auf weißen Papierschnittmustern, weißen Drapierstoffen und weißen Wänden aus. So würde ich gern wohnen. Die Schnitte, die auf den Puppen sitzen, erinnern mich in ihrer rohen Form an die Céline-Sommerkollektion. Am liebsten würde ich mich als lebendige Puppe ins Atelier stellen und beobachten, wie die 2D-Zeichnungen der Designer an mir in 3D-Prototypen und Schnittmuster umgesetzt werden. Um am Ende einfach als Rock mit einem super Schnitt aus dem Atelier zu spazieren. Es scheint mir, dass Schnittmachen dem eigentlichen Designhandwerk sehr nahe steht.

„Wie arbeiten Designer und Schnittmacher zusammen?“, frage ich Tina Schenk als Erstes. „Wir bekommen z. B. von Thakoon ein ‚Tech Pack‘, eine Zeichnung mit Maßeinheiten, und manchmal enthält das Paket auch Inspirationsbilder oder Vintage-Stoffe. Erst drapieren wir den Entwurf mit einem Leinenstoff an einer Puppe. Davon konstruieren wir ein Schnittmuster aus Papier, aus dem ein erstes Muster aus dem echten Stoff geschneidert wird. Dieses passen wir dann an der Puppe an. Verschieben eine Naht oder tauschen den Stoff aus, wenn er in der Realität anders fällt, als sich das der Designer auf dem Papier vorgestellt hat. Aus dem fertigen Muster wird ein endgültiger Prototyp genäht: für das Model auf dem Laufsteg und die Produktion.“

Interview mit Schnittmacherin Tina Schenk

Zwischen diesem amerikanischen Traumleben und ihrem Flug in die USA lagen viele Jahre, in denen Tina Schenk Kostümdesign in Chicago studierte und sich danach als Freelance-Schneiderin in New York durchschlug. Bis sie als Backstage-Schneiderin bei der Fashion Week den österreichischen Designer Helmut Lang kennenlernte. Nach der Schau fragte er Tina, ob sie sein internes Schnittatelier aufbauen und leiten wollte.

Mit ihm entwarf sie Schnittmuster für alle Anzüge, in denen sich Quentin Tarantino in Cannes auf dem roten Teppich zeigte. Und konstruierte sogar ein Top und einen Perlen-BH für ein Elefantenpaar, die Models eines Bruce Weber Foto-Shootings. Ihr eigener Stil erzählt auch noch von den minimalistischen Lang-Jahren, trägt Tina Schenk doch nur weiße, schwarze, und graue Kleider. „Minimalismus ist eine große Herausforderung. Wie kann ein schlichtes Kleid mit wenig Nähten interessant aussehen?“

Dass es in New York in ihrem Bereich noch viele Marktlücken gab, merkte Tina, während sie für das Label Karl Lagerfeld arbeitete, nachdem das Label Helmut Lang 2005 von Prada eingestellt wurde. Aber erst nach einer Anstellung als Schnittmacherin für Anne Klein unter der Designerin Isabel Toledo – „Ich habe noch nie zuvor eine so besondere Frau wie Isabel getroffen“ – eröffnete sie 2008 ihre „Werkstatt“ in Manhattans Garment District. Wo sie eigentlich gar nicht hin wollte, aber wo es einfach am günstigsten und praktischsten ist, ein Atelier zu mieten.

Wenn ich Modedesign studieren würde, würde ich mir ein Bein ausreißen, um hier ein Praktikum zu machen. Das Schnittmacher-Handwerk zu lernen und meine Werke bei den besten Schauen der Fashion Week wiederzusehen. Da ich mein Leben leider nur im Traum zehn Jahre zurückdrehen kann, wollte ich wenigstens ein paar praktische Tipps mitnehmen und fragte die Meisterin, ob es Schnitte gibt, die für alle Frauen vorteilhafter sind als andere. „Ein Outfit muss irgendwo eng sein, es muss passen, damit es vorteilhaft aussieht. Ich trage nur Kleider, die meiner Figur schmeicheln.“

Vielen Dank für das Interview!

 

6 Kommentare
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  1. julita

    Wow, was für eine Geschichte! Toll, wie sich Tina Schenk hochgearbeitet hat, das ist der Traum….

  2. Caroline

    Schönes Interview, aber warum wurde es nicht auf Deutsch geführt? Ist Tina Schenk nicht ursprünglich Deutsche?

  3. Katrin

    Hi,

    ein schönes Interwiev! Bin immer wieder begeisterte Leserin eures Blogs! Vielen Dank Katrin

  4. Wik.tor.ia

    Das nennt man ein amerikanisches Märchen :) Sehr sympathische Frau

  5. @Caroline: Ja sie ist Deutsche, aber sie ist so lange schon in Amerika, dass sie lieber das Interview in Englisch führen wollte, weil sie sich einfach wohler fühlt in Englisch.

  6. Bernhard Babbe

    ein wirklich sehr interessantes Interview…! Wahnsinn, das das Leben ein Menschen so verändern kann und als quasi eingefleischte Deutsche ein Interview in Englisch zu führen.

    Der Blog hier ist echt klasse…!

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