Ich gebe es zu. Ich bin ein bisschen neidisch, dass R. J. Cutler den Dokumentarfilm über die Entstehung der Septemberausgabe 2007 der Amerikanischen Vogue gemacht hat und nicht ich. Darum war ich neugierig, den Regisseur auf einer Podiumsdiskussion bei Barnes & Nobles persönlich zu treffen. Zur Feier des Erscheinens der DVD The September Issue saß er dort mit Vogue-Kreativchefin Grace Coddington und Editor in Large André Leon Talley. Ohne Chefredakteurin Anna Wintour, die wohl nicht mehr von sich preisgeben wollte als im Film zu sehen ist – immerhin ihr Haus, ihre Familie, ihre Machtpolitik.
William Norwich stellte den drei ein paar Fragen, bevor mehr als 300 Leute sich für eine Unterschrift auf ihrer DVD anstellten. Und ich beschloss, bis zur nächsten Fashionweek zu warten, um die beiden wieder zu treffen …
Wussten Sie vorher wie der Film am Ende aussehen würde?
R. J. Cutler: Ich hatte eine Ahnung, eine Hoffnung. Als Dokumentarfilmemacher muss man Optimist sein und das verfolgen, von dem man glaubt, dass es die Geschichte ist. Am Ende wurde der Film aus 320 Stunden Filmmaterial zusammengeschnitten.
Was überraschte Sie an Chefredakteurin Anna Wintour?
R. J. Cutler: Wie groß sie in einem Raum ist. Und wie zierlich und klein in Person.
Was ist so interessant an der Vogue?
R. J. Cutler: Anna Wintour und die Geschichte eines gewissen Standards. Eine Seite Vogue kostet oft 50.000 Dollar in der Produktion.
Grace Coddington: Am Ende des Tages schätzen die Leute Qualität.
André Leon Talley: Die Perfektion. Wenn man etwas richtig machen will, kostet es etwas. Ich finde, dass es ohne Graces Stylings keine Vogueausgabe gäbe, die wir genießen könnten.

Grace Coddington
Auf was könnten Sie in der Modewelt verzichten?
André Leon Talley: Auf die langweilige Mode auf dem roten Teppich und die Arroganz. Ich bin mir sicher, dass Linda Evangelista lügt, wenn sie sagt, dass sie für weniger als 10.000 Dollar ihr Bett nicht verlässt.
Grace Coddington: Auf die Hysterie und die Schnelligkeit, die mir das Herz brechen. Sie sind daran Schuld, dass sich ein Talent wie Alexander McQueen das Leben nimmt. Mode-Fernsehen und Twitter, Facebook und Blogs sind nicht gut für die Mode. Ich meine, wie viele Kleider kann man tragen?
Wieso ist eine Vogue-Seite 50.000 Dollar wert?
Grace Coddington: Ich gebe beim Styling nicht einfach Geld aus, ich versuche, das Beste rauszuholen. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich an hungernde Kinder denke. Ich tröste mich aber mit dem Gedanken an die vielen Industrien, die die Vogue ankurbelt. Die Hälfte eines Shootings verbringt man damit, die Balance zwischen nicht zu teuer und nicht zu billig zu finden. Zum Glück macht mein Assistent die Sklavenarbeit der Budgetierung.
Was ist der Unterschied zwischen Style und Mode?
Grace Coddington: Jeder sagt etwas, indem er sich jeden Tag anzieht. Style ist kommunikativ. Mode dagegen eher plakativ.
André Leon Talley: Style ist persönlich und bleibt, Mode ist öffentlich und flüchtig. So können nicht gut angezogene Menschen stylisch sein, wenn sie überzeugend sind in dem, was sie tun. Stil ist ein Teil von dir. Deine Kleider müssen mit dir zusammenarbeiten, nicht gegen dich. Es ist hoffnungslos, sich mit den Kleidern von jemand anderem zu schmücken. Und Sünde, wenn deine Kleidung dich lächerlich macht. Die Suche nach Style wird nie enden. Sie treibt uns an.

André Leon Talley mit roter Obama-Mütze
Wie hat der Film dein Leben verändert?
Grace Coddington: Ich bin eigentlich eine sehr diskrete Person und bin durch den Film weniger scheu geworden. Ich habe mich daran gewöhnt, dass mich Leute in der Bahn ansprechen. Ihre Neugier hat mich davon überzeugt, meine eigene Biographie zu schreiben. Und ich arbeite gerade mit R. J. Cutler an einem neuen Filmprojekt.
Was würden Sie tun, wenn Sie nicht Editor in Large bei der Vogue wären?
André Leon Talley: Dann wäre ich wohl Französischlehrer. Und weniger glücklich. Ich wollte schon immer bei der Vogue arbeiten. Schon als kleiner Junge – ich war ein Einzelkind – war das Blättern in den bunten Seiten das Einzige, das mir wirklich Spaß machte.

R. J. Cutler © The September Issue
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50.000 Dollar für eine Seite?????!!!!! ich bin geschockt!
Danke für den tollen Beitrag! Ich liebe die Vogue <3
interessant wie hier style und mode definiert bzw. auseinander gehalten werden. hmm…
Interessant, dass eine so wichtige Frau im Modebusiness wie Grace Coddington ganz offenschtlich das Web 2.0 für ein Virus hält, der ihre geliebte, behäbige Modewelt infiziert. Und ach so so schlecht ist. Peinlich oder?
Ich liebe sie auch! Ich wusste auch nicht dass eine Seite so viel kostet, wahnsinn!
@ladia: ich auch, vor allem, wenn man bedenkt, wie hoch der deckungsbeitrag sein muss … muss ja ganz schön was abwerfen, damit sich so ein aufwand lohnt. paradebeispiel für eine perfekte geschäftsidee!
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