„In Hamburg sind alle Menschen schön“, verkündet Mario breit grinsend. Und weil ich in Hamburg war, wurde ich auch kurzerhand abgelichtet für das Blog, das er gemeinsam mit Ksenia betreibt. Unter dem Titel Fashionjunk publizieren die beiden Hamburger Streetfashion. Ich habe Mario und Ksenia in der Schanze getroffen und auf einem ihrer Streifzüge begleitet …
Wie das Foto aussieht, das die beiden von mir gemacht haben, seht Ihr nach dem Sprung.
Ich liebe Mode, wenn sie zwei nicht konforme Welten zusammenbringt. Zum Beispiel Blazer, die man anzieht, um professionell, souverän und akkurat auszusehen, und Nieten, die man an Stoff heftet, um wild, stark und gefährlich zu sein. Vielleicht ist ein Nieten-Blazer genau richtig, wenn man zu einem Businessmeeting geht, bei dem man nicht zu nett wirken will. Sondern vorhat, dem Gegenüber geflegt die Stirn zu bieten. Ich persönlich finde an Nieten-Blazern auch toll, dass ich Nieten mit mir herumtragen kann, ohne wie eine Rockerbraut zu wirken.
Bara Holotova, Model
„Mein liebstes New Yorker-Designlabel ist Vena Cava, aber ich mag auch coole Sachen von H&M. Wenn mir Mode gefällt, ist mir egal, ob sie High oder Low End ist, wie dieses Outfit: Die Schuhe habe ich bei Topshop gekauft, das Shirt bei American Apparel, der Nieten-Blazer ist von Zara. Den Rosenkranz hab ich geschenkt bekommen, aber ich bin nicht gläubig. Ich schmücke mich nur damit.“
Charlotte Gainsbourg ist mein Lieblings-Star. Da freute ich mich natürlich, André zu treffen, der die Sängerin und Schauspielerin – wie ich auch – als Stilikone schätzt. Was mit ihrem androgynen Look, Notify-Jeans und Brora-Kaschmirpullover (siehe Vogue-Artikel), zu tun haben mag. Vor ein paar Wochen ist ihr neues Album IRM erschienen, das sie mit Beck zusammen produziert hat.
André, 27, Banker
„Ich komme aus dem mittleren Westen der USA, dort ist es nie so kalt, dass man einen Pullover tragen muss. Ich habe überhaupt keine Winterkleider, deshalb habe ich mir gegen die New Yorker Kälte diese Jacke von A.P.C. gekauft. Mein Style-Vorbild ist Charlotte Gainsbourg, wir lieben beide Martin Margiela. Meine Lederschuhe sind von ihm. Meine Sonnerbrille ist von Persol. Ich friere lieber, statt mich unter Bergen von Kleidung zu verstecken.”
Schnee liegt in New York selten. Dafür weht im Winter fast immer ein eiskalter Wind. Letzten Winter traten viele New Yorker gegen diesen in glänzenden Daunenjacken an. Doch die scheinen schon wieder in den Skischrank verschwunden zu sein, denn in dieser Saison begegne ich statt Glanz-Poppern Winter-Hippies und Dandys.
Hollie, Anwältin
Ich bin ein viktorianischer Hippie. Früher habe ich als Grafikdesignerin gearbeitet, bis ich es nicht mehr mit ansehen konnte, dass die Kunden immer den hässlichsten Entwurf umsetzten wollten. Jetzt mache ich Kunst privat und lebe mich modisch aus. Und verdiene das Geld, das ich dazu brauche als Anwältin.
Joe, 29, Hotelinvestor
Ich mag gut sitzende Kleider, deshalb lasse ich mir viel vom Schneider anpassen. Meine Anzughose ist so groß, weil ich beim Training für den Marathon zehn Kilo abgenommen habe. Aber sie gefällt mir so wehend fast besser. Mein Schal ist aus Indien – ich konnte den Straßenverkäufer auf vier Dollar runterhandeln –, der Anzug von Cavalli, der Mantel von Hugo Boss.
Oben die Aussicht aus meinem Stammcafé. Unten die Art und Weise, wie die stylischen Berliner auf das Wetter klamottentechnisch reagieren:
Ich war unterwegs und habe neben UGG Boots- und Daunenmonsterträgern (zu denen ich mich Frostbeule im Winter auch zähle!) auch ein paar Menschen gefunden, die sich ein wenig kreativer auf die Straße wagten. Wer was genau trägt, nach dem Sprung …
Auf style.com sind tausende Outfits abgebildet aber weit und breit ist kein Rücken zu sehen. Weil das Bild eines Kleidungsstücks heute mindestens genauso wichtig ist wie das Kleidungsstück selbst, kann man dem heutigen Modedesign einen Hang zum Front-Fassaden-Fetischismus vorwerfen. Zu Charles Kleibackers Designzeiten dagegen sah Mode manchmal sogar besser von hinten und den Seiten aus. Seit ich den Meister der Bias ( = der Diagonalen) und seine Mode kürzlich entdeckt habe, bin ich von schönen Rücken entzückt. Und fotografiere Streetstyles ab jetzt auch mal von hinten.
Cavanaugh, 23, Modedesignstudent
„Mein Name ist irisch, aber ich bin in China geboren. Seit zwei Jahren studiere ich Modedesign in New York und treffe bei Parsons Leute, die wie ich viel von der Welt gesehen haben. Ich liebe auffällige Muster, und suche in allen Kulturen nach ihnen.“
Während meiner Pressereise nach Stockholm (Mitgebrachte Perlen davon findet ihr hier, hier und hier) hatte ich die Gelegenheit, mich kurz mit Gunnar Hämmerle zu treffen. Die meisten von Euch kennen ihn wohl unter dem Namen Styleclicker. Ein Interview führten wir hier bereits mit ihm. Gunnar ist besonders oft in Stockholm. Warum es ihn immer wieder in den hohen Norden zieht, verriet er mir in einem kleinen Interview:
Zu Gunnars Blog geht es hier. Und wo die Schweden ihre tollen Klamotten kaufen, verrate ich im nächsten Stockholm-Beitrag.
Woher kennt ihr sein Gesicht noch mal? Genau, ihr habt ihn hier schon mal gesehen. Bryan Boy im Blogger-Porträt. Wenn ich Trendsetter wie ihn öfter treffe – und Leute, die sich von ihm inspirieren lassen –, wird mir das Konzept ihres Stils immer klarer. Und da ich meinen Bekannten nicht immer die gleichen Stil-Fragen stellen will, zitiere ich Bryan Boy diesmal nicht, sondern kommentiere.
Er besitzt die Gabe, auch in exzentrischen Outfits sportlich, locker und natürlich rüberzukommen. Andere würden in solchen Klamotten verkrampft und nach „Ich wollte heute besonders modisch sein“ aussehen. „Ein Tag, ein Designer, ein Trend“ ist sein Motto. Gestern war es Michael Angel. Heute sind es Fransen. Und ein Morgen wird es nie ohne Sonnenbrille und selten in Farbe geben.
Cassandra, Aurelie und Crystal sehen super aus in ihren Jeans-Overalls. Aber ich habe mich noch nicht wirklich mit diesem Modetrend anfreunden können. Vielleicht, weil meine Kindheit zehn Jahre länger zurück liegt als ihre. Oder weil ich nicht die gleiche Beinfreiheit spüre wie in einem Outfit, in dem Hose und Oberteil voneinander getrennt sind. Vielleicht habe ich aber auch einfach noch nicht das richtige Modell gefunden …
„Ich will anders als meine Freunde aussehen. Deshalb trage ich als Erste in meiner Clique Overalls. Diesen habe ich in London bei American Eagel gekauft. Leider, denn in New York ist er günstiger! In London ist eben alles teurer als hier.“
Nicht selten erspähe ich Leute auf der Straße, die mich so sehr an einen bestimmten Film-Charakter erinnern, dass ich sie bildlich aus der Leinwand in die Wirklichkeit spazieren sehen kann. Gestern schlug mein Herz höher, als ich „Laura Dern“ aus David Lynchs Film Wild at Heart entdeckte. Und mir wünschte, sie würde nach dem Posieren für mein Foto auf den nächsten Cadillac-Oldtimer springen und dort Nicolas Cage in die Arme fallen.
Manchmal treffe ich aber auch Leute in filmreifen Outfits. Nur der Film dazu will mir einfach nicht einfallen. Wo gehört der Charakter nach dem Sprung hin?