Seit Anfang des Jahres ist die gefragte Stylistin Julie Ragolia, 33, Leiterin des Moderessorts von New Yorks City Magazin und peppt das Trendheft, in dem es um Design, Mode und Architektur geht, mit ihren frischen Ideen auf. Eigen ist nicht nur ihr Styling – für das Cover der aktuellen Ausgabe ließ sie das Model wie ein Fabelwesen schminken – sondern auch ihre Einstellung zur Modewelt. Denn Julie kauft lieber preiswerte Kleidung als teure Designermarken, fühlt sich in ihrem Schlafanzug am wohlsten und sieht zauberhaft aus, wenn es der Zufall so will.


Welche Rolle spielt New York in deinem Leben?
Julie: New York ist eine Landschaft, die sich immer stark verändert und deshalb inspirierend bleibt. Hier werden ständig neue Wolkenkratzer neben alten Häusern hochgezogen. Mich inspirieren diese Bilder, die nicht zusammen passen. Obwohl ich hier geboren bin und nie woanders gewohnt habe, hat mich New York noch nie gelangweilt. Ich lerne jeden Tag etwas in dieser Stadt.
Hat New York etwa aus dir eine Stylistin gemacht?
Weil hier alle Stilrichtungen vertreten sind, konnte ich mir viel abschauen. Und keiner hindert mich in New York, meine Persönlichkeit über Mode auszudrücken. Nur einmal in der Grundschule schickte mich die Lehrerin nach Hause, weil ich falsch gekleidet war. Ich hatte ein langes T-Shirt mit Trägern als Kleid an. Das Interesse an Mode liegt in meiner Familie, schon meine Mutter war von Klamotten besessen.
Wolltest du schon immer in der Modebranche arbeiten?
Ich studierte Philosophie und wollte Karriere als Akademikerin machen. Aber mein Mitbewohner war Modefotograf und zahlte mir 50 bis 100 Dollar pro Tag fürs Styling. Weil ich das Geld dringend brauchte, wuchs meine Mappe mit Modefotos. Mit der habe ich mich dann bei MTV vorgestellt und auf der Stelle einen Job gekriegt. So fing alles an. Mit richtig viel Glück.
Was machst du jetzt beim City Magazin?
Ich entwickle zusammen mit Fotografen und Künstlerinnen Modestrecken. Dafür sind zwei Dinge gleichermaßen wichtig: den Markt im Auge zu behalten, also auf Modeschauen zu gehen, und Kunst und Kultur zu beobachten.
Was hat denn Kunst mit Mode zu tun?
Kunst und Musik inspirieren die Mode. Was in Galerien und Museen ausgestellt wird, sehe ich auf dem Laufsteg wieder. Die Kunstwelt steuert die Modewelt.
Was bedeutet es eigentlich, einen guten Style zu haben?
Style ist ein breiter Begriff und beschränkt sich nicht auf das Äußere. Gut angezogen zu sein reicht nicht, man muss auch innerlich Stil haben. Dazu gehört Kulturbewusstsein, Grazie und Ehrlichkeit. Und eine eigene Idee vom alltäglichen Glück.
Was sind die größten Fehler, die man machen kann?
Sich zu viel Mühe zu geben. Jemand, der künstlich versucht, einen Stil zu kopieren, sieht schnell lächerlich aus. Ich liebe den zufälligen Stil.
Wie sieht der denn aus?
Es gibt keine Regeln und keine Formel, nach der man sich gut anziehen kann. Man muss Spaß an Mode haben und den Zufall mitwirken lassen. Und damit leben können, dass man einen Tag bezaubernd aussieht – und am nächsten wie eine schicke Mülltüte.
Wie würdest du deinen Stil beschreiben?
Ich ziehe sehr verschiedene Kleider an. Ein gewisser Hang zum Männlichen zieht sich durch meinen Kleiderschrank. Weibliche Körper sehen in männlichen Silhouetten und Stoffen besonders aus. Mein Stil ist die explosive Mischung aus David Bowie als Ziggy Stardust und einem Schulmädchen. Mit meinem Filzhut auf dem Kopf und einem weißen T-Shirt mit V-Ausschnitt fühle ich mich so wohl wie sonst nur in meinem Schlafanzug. Dass Hüte zur Zeit in New York so angesagt sind, finde ich richtig gut. Mir gefällt die Eigenwilligkeit, die Eleganz und die Korrektheit, die sie ausstrahlen.
Karl Lagerfeld, weil er so gut wie kein anderer die Synergie zwischen
Hast du neben David Bowie noch andere Stil-Ikonen? Mode und Kunst einfängt. Und Bob Dylan, als er jung war. Aber auch die Leute auf der Straße inspirieren mich.
Wie kann man sich mit kleinem Budget modisch kleiden?
Das ist einfach. So bin ich zu meinem Job gekommen. Ich musste kreativ sein, weil ich kein Geld hatte. Es macht mir viel mehr Spaß, preiswerte Kleider zu kaufen und teure als Inspiration anzuschauen. Second-Hand-Läden sind die besten Fundgruben. Meine Lieblingsläden in New York sind allerdings der des belgischen Designers Martin Margiela im West Village und der Shop von Zero Maria Conejo auf der Mott Street in NoLIta.
Du hast u.a. Victoria und David Beckham und Lindsay Lohan gestylt. Ist es anders, mit Promis zu arbeiten als mit normalen Models?
Models sind weiße Leinwände. Die Stars sind schon gemalt und ich muss die Kleidung finden, die ihre Persönlichkeit hervorhebt.
Dein Rat für einen guten Mode-Blog?
Stil geht viele Wege. Seid vielfältig, schafft Synergien und sprecht sowohl mit Leuten aus der Modeszene als auch mit originellen, stilsicheren Leuten aus ganz anderen Bereichen, die professionell nichts mit Mode zu tun haben.
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Was für ein tolles Interview. Endlich mal nicht nur das Gelaber zu Mode und Styling, das man sonst so lesen kann. Ich finde es einfach großartig, Stil als Mischung aus Kulturbewusstsein, Grazie und Ehrlichkeit zu definieren. Jetzt gibt es nur noch ein Problem: Wie komme ich ran an das City Magazin?
Super Interview! Absolut spannend und die Frau erscheint mir nicht nur hübsch & stylisch, sondern auch ziemlich klug zu sein! Ich stehe auch total auf Hüte (gerne so britische Männerhüte), hat irgendwer einen Tipp, wo im Raum HH oder auch Berlin man die kriegt? Am liebsten neu, aber im Retro-Look.
Liebe Dita, hier kannst Du schon mal digital im Heft blättern: http://www.city-magazine.com/ezine/ Wenn Du City lieber in den Händen hällst, bestelle Dir doch ein Jahresabo für 72 Dollar.
Liebe Lady O, ich kenne mich leider in HH und Berlin was Läden betrifft nicht so gut aus wie in New York. Vielleicht haben Dita oder andere Blogger einen Tip?
Das Interview ist sehr erfrischend, eine Wohltat und dazu kurz und auf den Punkt gebracht. “Jemand, der künstlich versucht, einen Stil zu kopieren, sieht schnell lächerlich aus” – das dies zutrifft, sieht man leider nur allzu häufig auf der Straße und genau dann wird Mode anstrengend und monoton, da einfallslos.
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