Kathrin

Daniel Sannwald: „Meine Arbeiten und Träume inspirieren sich gegenseitig“


© Daniel Sannwald

OK, ich sage oft: Das ist der beste, der größte, mein Lieblings-Wasauchimmer. Ich neige zur Euphorie. Aber was die zeitgenössische, künstlerische Modefotografie angeht, ist er wirklich meine Nummer 1: Daniel Sannwald (31) – aufgewachsen in München, Studium an der Academy of Antwerp, Aufträge u. a. von i-D, Dazed & Confused, Vogue Hommes Japan, Louis Vuitton, Adidas, Nike, vertreten von der Agentur Management+Artists. Mich beeindruckt, wie erfrischend, humorvoll und kinematografisch er seine Bildideen umsetzt. Als Hobbyfotografin ist mir oft ein Rätsel, wie er Fantasie, 2-D/3-D-Mystik und Licht-Spiegel- und Schattenspiele konstruiert. Diesen Monat erscheint sein erstes Buch mit Arbeiten der letzten fünf Jahre beim belgischen Verlag Ludion. Ich habe ihm dazu ein paar Fragen gestellt und mich in seinen Blog verliebt.


© Daniel Sannwald

Dein Buch „Pluto and Charon“ erklärt, was die Sterne auseinanderhält. Kannst Du das kurz erklären?

Die Planeten Pluto und Charon umkreisen einander in einer beinahe perfekten kreisförmigen Umlaufbahn. Wobei Pluto und Charon einander immer die gleiche Seite zuwenden. Ein wundervolles Bild für die Liebe. Die Liebe ist jene Kraft, die es auch schafft, die Sterne auseinanderzuhalten, und dies ist so wunderbar beschrieben in dem Gedicht von E. E. Cummings „I carry your heart“. Mein Buch spielt mit dem Konzept der beiden Planeten, und spricht über die wohl stärkste Kraft, die Liebe. Es ist eine Liebeserklärung an das, was kommen wird und an das, was war.


© Daniel Sannwald: Mehr über die Ophilia in Dries van Noten auf Daniels Blog.

Viele Deiner Fotos sehen wie Traumsequenzen aus, inspirieren Dich deine eigenen Träume?

Meine Arbeiten und Träume inspirieren sich gegenseitig. Der letzte Traum, an den ich mich erinnern kann, spielte in meinem Zimmer in London. Ich saß auf dem Boden vor einem großen Spinnennetz und sah zu, wie viele Spinnen ein riesiges „Fadennetz“ in meinem Zimmer bauten. Alles schien in Zeitlupe zu geschehen. Ein sehr langsamer, aber beeindruckender Traum.


© Daniel Sannwald

Arbeitest Du oft mit den gleichen Stylisten zusammen?

Ich arbeite immer wieder gerne mit neuen Menschen, mit Stylisten wie Nicola Formichetti, Katie Shillingford, Robbie Spencer, Tabassom Charaf etc. Natürlich gibt es auch ein paar Stylisten, mit denen ich oft zusammenarbeite. Zurzeit viel und gerne mit Hector Castro.

Zeichnest Du die Szenerie vor einem Fotoshooting oder inszenierst Du frei drauf los?

Ich mag beide Arten der Arbeit. Allerdings fühle ich mich schon ein wenig sicherer, wenn ich im Vorfeld alles gut ausarbeite. Aber ich finde es viel spannender, frei zu arbeiten. Ich mag es, wenn Dinge fließend entstehen, und das funktioniert für mich besser, wenn nichts geplant ist.

© Daniel Sannwald: Dazed and Confused Cover 08

Du bist auf dem Weg zum i-D-Shooting, aber hast keine Idee. Was machst Du?

In letzter Zeit gehe ich manchmal, ohne mir viele Gedanken zu machen, zu einem Shooting. Ich genieße diese Art der Spontaneität. Ohne viel nachzudenken kann ich auf Impulse und Momente reagieren – das kann sehr spannend und überraschend sein.


© Daniel Sannwald: Das Cover des Magazins der Süddeutschen Zeitung 8/09

Was willst Du auf deinen Fotos festhalten?

Meine Arbeiten suggerieren Erinnerungen an vergangene Kulturen und werden festgehalten für eine Zeit ohne Kultur.


© Daniel Sannwald

Zeichen spielen eine große Rolle in deiner Arbeit. Ist die Sprache der Bilder für Dich stärker als die der Worte?

Mich bewegen Gedichte derzeit oft mehr als visuelle Bilder oder Werke. Eine Freundin aus München schickt mir immer per Post gesammelte Gedichte, für mich ist das eine ganz persönliche Form einer Brieffreundschaft.


© Daniel Sannwald

Welche Kamera benutzt Du und warum?

Das hängt ganz von der Idee des Bildes ab. Ich arbeite mit vielen Kameras von einer selbst gebauten Camera obscura über digitale und Handy-Kameras bis hin zu analogen Fotoapparaten. Ich suche immer die passende Technik für die jeweilige Idee.


© Daniel Sannwald

Wie empfindest Du als Fotograf die Flut von Bildern, der wir ausgeliefert sind, seit jedes Handy fotografieren kann?

Es ist ganz wichtig in unserer Zeit, noch selektiver mit den Bildern, die uns umgeben, umzugehen. Und bewusst zu erkennen, dass wir konstant mit Fotos und Werbung konfrontiert werden. Mir persönlich ist es daher wichtig, oft den Abstand in der Natur zu finden. Mein Traum ist es, irgendwann ein Landhaus in Frankreich für mich und meine Familie zu besitzen.


© Daniel Sannwald

Du drehst schon seit einer Weile Fashion-Videos (u. a. „I walk backwards to forget our time“ und Video-Lookbooks für Taro Horiuchi). Was hältst Du vom Fashion-Video-Boom?

Es ist ein wirklich aufregender Trend mit viel Potenzial, aber ich habe bis jetzt nur sehr wenige Videoarbeiten von Fotografen gesehen, die ich spannend fand.

Wer sind deine Lieblingsfotografen?

Duane Michals, John Baldessari, Man Ray.

Du bist ein sehr sozialer Mensch und gehst freiberuflich mit alten Leuten spazieren. Warum ist es wichtig für Dich, sozial zu sein?

Meine Tätigkeit als Modefotograf ist eine eher egomane Arbeit – es geht letztlich (auch wenn es eine Kooperation ist) um MEINE Visionen und Ideen. Ich finde es sehr wichtig, hier einen Gegenpol zu finden und ein wenig dagegenzusteuern. In den letzten Monaten kam ich zu der Erkenntnis, dass es ganz wichtig für mich ist, diesen Ausgleich zu schaffen, um mich „erfüllt“ zu fühlen. Dieses Gefühl der Freude und Wärme, die man spürt, wenn man einen Teil seiner Zeit bewusst anderen Menschen widmet, ist etwas ganz, ganz Kostbares. Es ist wunderbar.


© Daniel Sannwald

Was liest Du gerade?

Ich liebe Kinderbücher. Ich habe vor kurzen mit meiner guten Freundin Kathi Kauder einen Kinderbuch-Club gegründet, und konzentriere mich zurzeit auf alle Bilderbücher von John Burningham (seine Bücher finde ich am tollsten!). Mein Lieblingsbuch von ihm heißt „Aldo“.

Was ist dein nächstes Projekt?

Ich hab vor kurzem die Position des Foto-Redakteurs beim Londoner Magazin Under/Current angenommen. Zusammen mit dem neuen Creative Director, Darren Ellis, einem neuen Modeteam und mit super spannenden Mitwirkenden werden wir das Magazin im Februar relaunchen. Außerdem arbeite ich gerade an meinem nächsten Buch. Es wird diesmal ein Kinderbuch. Eine Art „Photoworkshop for kids“. Und natürlich sind einige spannende Auftragsarbeiten in Planung. 2011 wird ein sehr aufregendes Jahr!

Du bleibst also erst mal in London…

Antwerpen war bist jetzt die wichtigste Zeit meines Lebens, in der ich erwachsen geworden bin. Dort habe ich entdeckt, welchen Weg ich einschlagen möchte. In dieser Zeit fand ich auch meine erste „richtige Liebe“ und viele sehr enge Freunde. Ich vermisse meine Freunde aus Antwerpen oft und denke an unsere gemeinsame Zeit. Trotzdem gehe ich nicht davon aus, dass ich wieder zurückgehen werde. Ich würde gern noch einige Zeit in London bleiben und dann nach New York ziehen, wo meine Hauptagentur Management+Artists sitzt. (Anmerkung der Redaktion: Eine der besten Fotoagenturen New Yorks.)

Was ist dein eigener Modestil?

Siehe Fotos!

Danke für das Interview!

7 Kommentare
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  1. Freakadelle

    Das Buch hole ich mir. Phantastische Bilder und ein großartiger Mensch ist es.

  2. Simon Bolz

    Großartig und sehr spannend! Ich glaube, vieles läuft heutzutage zu verkopft ab, so dass nur die Arbeit von innen heraus wirklich den vollen Charakter haben kann. Ich ziehe meinen Hut!

  3. kohlmeise

    Mal wieder ein geiler Beitrag, Kathrin. Wo findest du blos immer die genialen Leute?!

  4. jani

    künstlerische, erfrischende Qualität hoch zehn! Ich will mehr davon :)

  5. Paln

    Super interessante Kunst! Witzig finde ich, dass er Kinderbücher liest, anscheinend als Gegensatz, vielleicht auch -Pol zu seiner abstrakten Kunst?!

  6. sunflower

    Wow, die Fotos sehen klasse aus. Toll, dass es auch noch so bodenständige und geniale Künstler gibt.

    VG

  7. Die Bilder sind wirklich Klasse ! Besonders das von Pluto und Charon :) .

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